Claudia Gigler

Diffamierung IV: Die Rolle von Öffentlichkeit und Medien

In den Sozialen Medien und anderen Internet-Plattformen und -Foren verschwindet der ursprüngliche Täter bzw. die Täterin, es verschleiern sich Ursache und Wirkung, es werden Angriffe transportiert und verstärkt, deren Wirkung sich unkontrolliert entfaltet. Medien und Publikum werden zu Mittäter*innen und müssen dafür sensibilisiert werden. In diesem Beitrag wird erläutert, wie Gegenstrategien entwickelt werden können.

Verfasst von Claudia Gigler für die SAFI-Konferenz Paris 2023. Hier finden Sie den Vortrag zu Diffamierung & Organisationen in englischer Sprache.

Die Kernaussagen:

  • Diffamierung passiert. Frauen sind besonders betroffen. Sie verstummen und verschwinden.
  • Anonyme Täter verschwinden im Netz. Medien verstärken. Auch was wir mit eigenen Augen sehen, muss nicht notwendigerweise wahr sein.
  • Nicht was geschah, sondern was geschehen sein könnte, ist relevant.
  • Das Bewusstsein dafür muss auf allen Ebenen geschärft werden.

Sie haben von Zita Küng und Barbara Degen gehört, wie Diffamierung von Frauen in Zusammenhang mit ihren Rechten und dem ethisch-moralischen Kodex unserer Gesellschaft zu sehen ist.

Sie haben von Ulrike Reiche gehört, was Diffamierung kostet und in welcher Weise nicht nur die Frauen ermächtigt werden müssen, sich zu wehren, sondern vor allem auch die Institutionen und Unternehmen, die mit ihnen angegriffen werden, gefordert sind, einen Schutzrahmen zu entwickeln.

Ich möchte nun darauf eingehen, wie unser mediales Umfeld beschaffen ist, in welcher Weise es sich auch verändert hat, zum Schaden von diffamierten Menschen, insbesondere Frauen, und welche Rahmenbedingungen es braucht, um die Kontrolle über das Geschehen (wieder)zu erlangen.

Wie definieren wir die Medien?

Wenn wir von Medien und Öffentlichkeit sprechen, dann müssen wir heute unterscheiden zwischen den Sozialen Medien einerseits und Print- sowie elektronischen Massenmedien andererseits. Wobei letztere nicht nur als Medien sondern gleichzeitig auch als Unternehmen zu betrachten sind, die ihrerseits gefordert sind, Journalistinnen als Arbeitnehmerinnen einen Schutzrahmen zu bieten, worauf ich hier jetzt aber nicht im Speziellen eingehen möchte.

Medien haben immer schon eine Rolle in Zusammenhang mit Diffamierung gespielt. „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ von Heinrich Böll legte in den 70er Jahren beredtes Zeugnis davon ab. Damals ging es um die deutsche Bild-Zeitung und die Bloßstellung einer Frau wegen ihrer Freundschaft zu einem Straftäter.

Was hat sich verändert?

Wir sprechen von digitaler Revolution:

  • Es sind nicht mehr nur einzelne, sichtbare Täter*innen und kontrollierbare Plattformen, die ihre Wirkung entfalten, sondern es sind anonyme Akteur*innen in den Sozialen Medien bis hin zu Bewertungsplattformen, die sich als Zündler betätigen und deren Funken eine Flut von diffamierenden Reaktionen unter Beteiligung vieler nach sich ziehen.
  • Und es sind Plattformen von Massenmedien, die nicht nur ab und an absichtsvoll diffamieren, sondern die es sich vor allem nicht mehr leisten können oder wollen, die Zeit und das Personal zur Verfügung zu stellen, die nötig wären, um Informationen auf ihren Gehalt zu überprüfen und zu double-checken, bevor sie diffamierende Inhalte übernehmen und veröffentlichen.
  • Die jüngste Entwicklung: Nicht nur was wir hören und lesen, auch was wir sehen, ist nicht mehr unbedingt wahr: Fotos und Videos lassen sich auf einfachste Weise technisch manipulieren und Menschen in einem falschen Licht erscheinen.

Angriffe werden verstärkt

In den Sozialen Medien und anderen Internet-Plattformen und -Foren verschwindet der ursprüngliche Täter bzw. die Täterin, es verschleiern sich Ursache und Wirkung, es werden Angriffe transportiert und verstärkt, deren Wirkung sich unkontrolliert entfaltet.

Die Plattformen der Massenmedien entwickelten eine „extended version“ in Gestalt von oft nicht ausreichend kontrollierten Foren, in denen sich User oft unkontrolliert austoben und zur Diffamierung der Person im Fokus beitragen.

Diffamierung passiert. Die Täter machen ihr Geschäft. Die Opfer verstummen. Es fehlt am nötigen Bewusstsein dafür, wer sich zu Mittätern macht und welcher Hebel es bedarf, um einen Sperrgürtel zu errichten.

Frauen sind in besonderer Weise davon betroffen, vor allem erfolgreiche Frauen. Warum?

  • Sie dringen ein in Domänen der Männer.
  • Sie machen sich laut, dort, wo man(n) von ihnen erwartet, dass sie leise sind.
  • Sie werden Chefinnen von Männern, die gerne weiterhin selbst das Sagen hätten.

Hässliche, neue Medienwelt

Diffamierung ist nichts Neues, Diffamierung hat es immer schon gegeben. Immer schon hat man andere, wie wir in Österreich sagen, „ausgerichtet“, man hat schlecht geredet über sie – in der Nachbarschaft, im Gang zwischen den Büros, gegenüber „wichtigen Leuten“.

Und es war schon immer schwierig, sich zu wehren,

  • weil das Umfeld – aus unterschiedlichen Gründen – oft eher dem Täter gegenüber Loyalität entwickelt als gegenüber dem Opfer,
  • weil oft kein Anfang zu erkennen ist, sondern nur das Ende,
  • weil es immer schwieriger ist, sich gegen etwas bereits im Raum Stehendes, oft Diffuses zu wehren als selbst das Schwert zu schwingen.

Die Menschen „warten“ auf Gerüchte, sie lieben es, sie weiterzuerzählen, und sie neigen dazu, Gerüchten zu vertrauen, vor allem dann, wenn sie ihren eigenen Erwartungen entsprechen und  sogar, wenn sie widerlegbar sind, wie das Max-Planck-Institut 2007 im Rahmen einer Studie erhob.

Die neue Komponente: Diffamierung findet in aller Öffentlichkeit statt, und jedem stehen die technischen Tools zur Verfügung, um viele Menschen zu erreichen. Das Opfer steht am Pranger. Die Schaulust befördert und beschleunigt den Prozess. Ein Zurückgewiesener, ein Konkurrent, ein politischer Gegner, ein Quertreiber erringt die Hoheit über die Stammtische, die sich anmaßen, Recht zu sprechen.

Viele Kläger, keine Verteidigung

Es gibt viele Kläger, aber keine Verteidigung. Die Behauptung wird zum Schuldspruch. Das Urteil scheint endgültig, in der Online-Community, in der eigenen Institution, in der Branche, oder in den Augen Dritter – der Kunden des Unternehmens oder der Institution, der die diffamierte Person zugerechnet wird. Der Wert der Kunden für das Unternehmen oder die Institution wird gegen das Opfer verwendet, dessen Bedürfnisse im Zweifelsfall Gott Mammon geopfert werden.

Hässliche neue Medienwelt: Es ist nicht mehr wichtig, was war. Das, was gewesen sein könnte, wird für das Opfer zum verhängnisvollen Ist und überlagert die Realität.

Nicht der Schaden für das Opfer ist der Verhandlungsgegenstand dieser „Rechtssprechung“ außerhalb der Gerichtssäle, sondern der Unterhaltungswert und die Lust an der eigenen Erregung. Der Urteilsspruch der Öffentlichkeit ohne Möglichkeit der Verteidigung lässt die Betroffenen zum zweiten Mal zum Opfer werden.

Der Schaden schließlich, den Dritte als Folge des Rumors für sich selbst befürchten – unabhängig davon, ob die Basis dieses Gerüchts eine Information ist, die wahr oder falsch ist -, führt dazu, dass sie auf Distanz gehen, die diffamierte Person nicht unterstützen und diese in die Isolation gedrängt und damit ein drittes Mal zum Opfer wird.

Was wurde aus unseren Case-Studies?

Ihre Ohnmacht und die Verzweiflung über diese Ohnmacht lassen Katharina Blum vom Opfer zur Täterin werden, sie ermordet den Journalisten, der sie diskreditiert. Wie haben die Beispielsfälle aus Zita Küngs Vortrag auf die Diffamierung reagiert?

  • Jolanda Spiess-Hegglin, unser Beispiel aus der Schweiz, erwachte aus ihrer Ohnmacht und wurde zur „Täterin“ der anderen Art: Sie ging in die Offensive, sie wehrt sich mit allen Mitteln. Ihre Ohnmacht hat die Journalistin und ehemalige Politikerin nicht gebrochen, sondern sie kämpfte, führte und führt unzählige Prozesse, wurde kreativ: Den Nutzen der anderen zu ihren Lasten definierte sie zuletzt als Schaden, den sie einklagen will bei den Tätern. Beim Boulevard sollen die Gewinne eingefordert werden, die die Verlage durch das Click-Baiting auf ihrem Rücken lukrierten. Ein erfolgversprechender Ansatz, denn erst beim Geld tut’s offenbar wirklich weh.
  • Unser zweites Beispiel, die österreichische Kulturmanagerin, wurde vor allem von einer rechten Partei attackiert. Heidrun Primas und ihr Forum Stadtpark hielten das politisch aus, auch weil sich die Linke als Gegengewicht hinter sie stellte. Die Institution gibt es noch immer und Heidrun Primas hat ihren guten Ruf in der Kulturszene behauptet. Sie ist eine starke Frau, und sie hat den Rückhalt einer angesehenen Familie. Leider kennen wir viele Geschichten von Frauen, die zum Schweigen gebracht wurden, die ihre Jobs verloren haben. Sie bekamen neue Jobs, aber sie werden die Angst nicht los, dass sie eines Tages ein Déjà-vu erleben. Wir können hier von vielen Geschichten nicht berichten, als Schutz für diese Frauen, auch das ist schon wieder ein Skandal. 
  • Annette Kuhn war schon in den 70er Jahren das Opfer einer Hetzkampagne. Damals wurde noch mit Offenen Briefen, etc. agiert. Die Medien nahmen das Thema auf und stellten ihre Qualifikation in Frage. Die Lehrerlaubnis wurde Annette Kuhn aberkannt und erst nach langem, zähem Ringen wieder zurückgegeben. Mit einer Schadenersatzzahlung erkaufte sich die Institution ihr Schweigen.

Was muss sich an den Rahmenbedingungen ändern?

Hetze, üble Nachrede und Verleumdung führten über die vergangenen Jahrzehnte zu Mediengesetzen, die den Massenmedien wirkungsvolle Schranken auferlegten.

Die Tatbestände sind klar definiert, sofern es eindeutig auszumachende Täter und kausale und exakt zu beziffernde Schadenshöhen gibt. Schwierig ist es, sich gegen Diffamierung zur Wehr zu setzen, wenn die Täter in einer Nebelwand verschwinden, wenn der Schaden nicht kausal zuzuordnen ist, wenn das Opfer in seiner Existenz vernichtet wird, indem es so lange mundtot gemacht wird, bis es aufgibt.

Viel wird getan, um Frauen endlich jenen Stellenwert in Politik und Gesellschaft zuzubilligen, der ihnen zusteht. Wenig Augenmerk liegt darauf, wie lange sich Frauen in Führungspositionen halten, wie viele Kämpfe sie gegen unsichtbare Feinde führen müssen, die sie fortgesetzt diffamieren, in ihrer Position untergraben und über kurz oder lang wieder verstummen und verschwinden lassen.

Notwendig sind generell eine neue Sensibilität und Schutz auch durch Dritte: zum einen ernstgemeinte und von der ersten Führungsebene im jeweiligen Umfeld veranlasste und mitgetragene Präventionsmaßnahmen, wirkmächtige Instrumentarien für Beschwerden und Sanktionen, und neue Wege, den Schaden zu definieren und einzuklagen.

Wenn wir von Medien sprechen, und vom Beitrag der Medien zur Diffamierung, dann geht es immer um die Wechselwirkung mit den Konsument*innen, daraus entsteht die „Öffentlichkeit“, die sensibilisiert werden muss für den Schaden, an dessen Entstehung sie beteiligt ist.

Gegenstrategien

Wer also sind die „Stakeholder“ im Prozess der Diffamierung, und wo muss die Gegenstrategie ansetzen?

Die Stakeholder sind

  • die Verursacher,
  • die Betroffenen,
  • die involvierten Institutionen und Organisationen,
  • die Medien als Verstärker und
  • die beobachtenden Dritten, das Publikum, oder ganz allgemein Gesellschaft und Staat

Sensibilisierung, Prävention, Gegenstrategien, Coaching und Krisen-PR müssen sich also auf diese Stakeholder beziehen.

Zur Sensibilisierung in Bezug auf das Erkennen möglicher Gefahren gehört ein Grundverständnis für die Ursachen von Diffamierung, für die Motivation der Verursacher. Zum einen geht es dabei oft um zwischenmenschliche Beziehungen, Enttäuschung Zurücksetzung, Neid, Konkurrenzkampf (auch zwischen Unternehmen und Institutionen), Missverständnisse oder subjektives Unrechtsempfinden. Zum anderen ist ein Treiber die Sensationslust und das Streben, damit Gewinn zu machen: Click-Bait-Journalismus, Verbrechens-, Strafverfolgungs- und Gerichtssaalberichterstattung, „Exklusivität“ vorgeblicher „Nachrichten“.

Die Wirkung auf die Betroffenen ist vor allem auch deshalb so fatal, weil sie ungewohnt und ungewollt im medialen Rampenlicht stehen:

Die Bedrohung ist öffentlich

Die Privatsphäre geht verloren, die Bedrohung ist öffentlich. Die Angst vor dem Existenzverlust bezieht sich neben der wirtschaftlichen auch auf die soziale Existenz, auf die Beziehungen, die Reputation. Die Unmöglichkeit, Einfluss zu nehmen, raubt dem Opfer jeden Handlungsspielraum und führt zu Scham und Ohnmacht. Ein Ende der Bedrohung ist nicht abzusehen, denn die diffamierenden Behauptungen können oft nicht restlos gelöscht werden.

Umso wichtiger ist es, präventiv zu wirken, vorbereitet zu sein, frühzeitig Gegenstrategien zu entwickeln:

  • Viele Opfer von Diffamierung hätten zuvor niemals gedacht, dass sie selbst betroffen sein könnten – auch weil sie sich selbst und die Wirkung auf andere zu wenig wichtig nahmen.
  • Widerstand ist möglich und Organisation von Solidarität ist machbar und planbar, aber es braucht Sensibilisierung und Unterstützungsstrategien, um vorbereitet zu sein.
  • Präventiv ist es für potenziell Betroffene wichtig, eigene Schwachstellen und mögliche Gefahren, Gegenspieler, Verursacher frühzeitig zu erkennen und kleinste Anzeichen ernst zu nehmen – einerseits durch kritische Analyse, andererseits durch Beobachtung des Geschehens.
  • Insbesondere für die Beobachtung der Sozialen Medien gibt es auch technische Hilfsmittel – Programme für „Social Listening“.
  • Falls kritische Situationen zu erwarten sind oder sich bereits abzeichnen, empfiehlt sich schon im Vorfeld die Inanspruchnahme eines Coachings für eine Positionierungsstrategie. Insbesondere in Zusammenhang mit Bewerbungen, etwa im Vorfeld von Hearings, wenn wirkmächtige und medienerfahrene Gegenspieler zu erwarten sind, wird davon zunehmend Gebrauch gemacht.
  • Institutionen und Organisationen sind gefordert, präventiv Schutzkonzepte zu entwickeln – einerseits in Zusammenhang mit ihrer Fürsorgepflicht für die Beschäftigten, andererseits, um Schaden vom Unternehmen abzuhalten.

Ist der Krisenfall eingetreten, sind möglichst rasch Maßnahmen zu setzen, denn die Bekämpfung ist im Anfangsstadium am wirkungsvollsten: Es geht darum,

  • den „Shitstorm“ einzudämmen,
  • Vertrauen (zurück) zu gewinnen,
  • das „Spekulationsvakuum“ zu beenden, indem man Stellung bezieht und die Deutungshoheit nicht nur anderen überlässt.
  • Nicht „aussitzen“, sondern sich der Situation stellen ist die Devise,
  • Kritik ernst nehmen und die Situation offen kommunizieren: allfällige Fehler eingestehen, aber Diffamierungen zurückweisen.
  • Nicht zurückschlagen, ohne vorher bei sich selbst aufzuräumen, um nicht neue offene Flanken zu bieten.

Gefordert sind nicht nur die Betroffenen, sondern auch ihr Umfeld, die Institutionen und Organisationen – durchaus auch im eigenen Interesse, wie Ulrike Reiche ausführte, aber auch im Rahmen ihrer Schutzfunktion. Die Betroffenen stehen mit dem Rücken zur Wand, sie sollten sich nicht (nur) selbst verteidigen müssen. Die Betroffenen sollten nicht die Hauptlast der Öffentlichkeitarbeit in eigener Sache tragen, aber es darf auch nicht über sie hinweg passieren. Die Absprache von Maßnahmen mit der betroffenen Person ist wichtig, denn sie ganz persönlich ist es, die auch Folgen und Wirkung aushalten muss. Die Interessen von Person und Institution können dabei im Detail divergieren.

Standardisierte Meldestellen und Prozesse bis hin zum Rechtsschutz erleichtern die rasche Einigung auf eine one-voice-policy des Unternehmens, der Institution. Das Problem, vor allem auch in der so wichtigen Anfangsphase sind Vertrauen und Glaubwürdigkeit. Diffamierung spielt oft in den höchstpersönlichen Lebensbereich hinein, und Vorgesetzte / Kolleg:innen / Arbeitgeber empfinden es als unzumutbar und gefährlich, sich frühzeitig zu positionieren.

Die Medien sind Verstärker und können zu Mittätern werden. Sie sind gefordert, in ihren Redaktionen eine Awareness in Bezug auf das Thema Diffamierung zu schaffen und sich im Wege einer klar deklarierten Ansprechstelle entsprechenden Wahrnehmungen und Beschwerden zu stellen. Die Redaktionen müssen verstärkt sensibilisiert, qualifiziert und mit ausreichenden Mitteln ausgestattet werden, um diffamierende Inhalte zu erkennen, deren Weiterverbreitung zu unterlassen, fake news erkennen zu können.

Aber auch das Publikum, die Medienkonsumenten, muss in seiner Medienkompetenz gestärkt werden, um fähig zu sein, diffamierende Inhalte zu hinterfragen.

Fazit

„Punishment“ ist das große Thema dieser Konferenz. „Non punishment“ ist unser Thema – die Ohnmacht, der Frauen anheimfallen, die Diffamierungskampagnen ausgesetzt sind. Eine Ohnmacht, die dazu führt, dass sie in jenen höheren Rängen, die sich mühsam erkämpft haben, handlungsunfähig gemacht werden und wieder verschwinden.

Mit einem Beispiel aus der jüngeren österreichischen Vergangenheit möchte ich schließen: Per 1.1.2021 ist in Österreich das Gesetzespaket „Hass im Netz“ in Kraft getreten. Die Grüne Politikerin Sigrid Maurer war zwei Jahre zuvor unflätigst beschimpft worden, „Tatort“ war ein privater Messengerdienst. Aufgrund der fehlenden Publizität im Sinne des Strafgesetzbuches konnten die Beleidigungen gerichtlich nicht verfolgt werden. Aber Maurer, die die Beleidigungen öffentlich machte, wurde wegen übler Nachrede verurteilt. Erst später wurde das Urteil wieder aufgehoben.

Das Gesetz sieht jetzt Möglichkeiten vor, die Unterlassung und Löschung solcher Nachrichten zu erzwingen, und vieles mehr zum Schutz gegen Angriffe im Netz, unter anderem die kostenfreie psychosoziale Prozessbegleitung. Aber nach eineinhalb Jahren stellen wir fest:

  • Es gibt kaum Verfahren,
  • bisher keine einzige Strafe,
  • kaum die Inanspruchnahme der Begleitung, kaum die Inanspruchnahme der Möglichkeit, dass man anonyme Täter von Behörden ausforschen lassen kann.

Warum?

Nikolaus Forgo von der Uni Wien hält dazu schon im April 2022 gegenüber dem „Standard“ fest, es sei eine „Mischung aus wehrlosen Opfern, die nicht die Energie haben, sich zu wehren, und einem insgesamt verrohten Umgangston mit vielen Grenzfällen, die auszustreiten in vielen Fällen schlichtweg zu aufwendig erscheint“.

Es ist noch viel zu tun!

Mag. Claudia Gigler studierte Germanistik und Anglistik und ist Journalistin, Moderatorin und Trainerin für Öffentlichkeitsarbeit. Sie ist Vorstandsmitglied von FELIN (Female Leaders Initiative) und unterrichtet an der FH Joanneum in Graz zum Thema Kommunikationstheorie – Gender und Diversity.

Lesen Sie auch:

Diffamierung I: Definition und Gesetz, verfasst von Zita Küng.

Diffamierung II: Fragen von Ethik und Moral, verfasst von Barbara Degen.

Diffamierung III: Was es mit Organisationen zu tun hat, verfasst von Ulrike Reich.


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