Ingrid Brodnig ist freie Journalistin und gilt als führende Expertin für digitale Themen. In ihrem Buch „Feindbild Frau“ beschreibt sie die Mechanismen der Bedrohung, Diffamierung und Verdrängung von Frauen in der Politik.
Gewalt im Netz ist ist ein breites Thema. Einzelereignisse drängen sich über Schlagzeilen ins Bewusstsein unserer Gesellschaft. Der Freitod der Ärztin Lisa-Maria Kellermayr etwa, nach einer nicht endenwollenden Welle von Bedrohungen und Beleidigungen durch Impfgegner und Kritiker der Corona-Schutzmaßnahmen. Oder die Verzweiflung der ehemaligen stellvertretenden SZ-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid nach einer Flut von Hasskommentaren und Verleumdungen in den Sozialen Medien.
Die Folge von digitaler Gewalt und Diffamierung im Netz ist oft Rückzug, und Frauen sind dieser Gefahr stärker ausgesetzt als Männer. Ingrid Brodnig sammelte die Geschichten von bedrängten und vielfach verschwundenen Politikerinnen und macht die Systematik, die Folge und mögliche Gegenstrategien sichtbar, weil, wie sie in ihrem Vorwort schreibt, „ich glaube, dass es eine systematische Aufarbeitung des Themas braucht„.
Sichtbare Frauen
Sie sprach mit weiblichen Abgeordneten des Deuschen Bundestags und des österreichischen Nationalrats. „Als sehr sichtbare Frauen sind sie oft von digitaler Gewalt betroffen…“, und: „Sie sind in meinen Augen ein Symbol für den Zustand der Demokratie, speziell der Rolle von Frauen in der Demokratie.“
Yvonne Magwas war Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags. Anfang 2025 verließ sie die Politik. Magwas wurde von einem berüchtigten Abgeordneten der AfD beschimpft und verfolgt. Viele seiner mehr als 50.000 Follower ermutigte er dadurch zu Hasspostings. Der Versuch der Gegenwehr mündete in weitere beleiddigende und hämische Tweets. Ein TikTok-Video der AfD zu einem späteren Zeitpunkt und aus anderem Anlass wurde mehr als 800.000 Mal abgespielt, gefolgt von tausenden übelwollenden Kommentaren. Dass wenig später während einer Rede ein Sprengsatz in ihrer unmittelbaren Nähe detoniert, gibt den Ausschlag: Magwas zieht sich zurück. Im Gespräch mit Ingrid Brodnig resummiert sie: „Ich will gar nicht mehr in der Öffentlichkeit stehen.“ Und Brodnig schreibt: „Solche Erzählungen zeigen, wie die Kombination aus aggressiv formulierten Online-Posts und bedrohlichen Offline-Aktionen in unserer Demokratie etwas kaputt macht. Speziell Frauen werden mit gehässigen, häufig geschlechsspezifischen Äußerungen aus dem Raum, in dem öffentliche Auseinandersetzung stattfindet, weggemobbt.“
Gegenwehr verpufft
Gegenwehr verpufft häufig, wie die Autorin weiter beschreibt. Etwa am Fall Anke Domscheit-Berg, einer der bekanntesten Vertreterinnen der netzpolitischen Szene. Sie war bis Anfang 2025 Bundestags-Abgeordnete für die Linke. Und sie erstattete Anzeige gegen den anonymen Verfasser von beleidigenden, verhetzenden, bedrohlichen Posts. Der Mann wurde sogar ausgeforscht, die Ermittlungen dennoch eingestellt. Der Grund: Der Mann wurde wegen einer schwerer wiegenden Straftat verfolgt, eine mögliche Strafe im Fall Domscheit-Berg wäre „nicht mehr wesentlich ins Gewicht gefallen“. Der Clou: Die Frau erfuhr offiziell nie, was aus der Anzeige wurde. Zu Ingrid Brodnig sagt sie: „Das finde ich heute noch bodenlos. Als Opfer bekommst du nicht mal Informationen.“ Eine Quelle der fortgesetzten Frustration, und wenig Anreiz für die Frauen, von ihren Rechten Gebrauch zu machen, wie Brodnig feststellt.
Vielfach funktioniert Bedrohung nicht durch eindeutige, klagbare Bedrohung, sondern über Anspielungen oder üble „Scherze“. Die Vergewaltigungsdrohung betrifft vor allem Frauen, und sie versetzt diese vor allem auch dann in Angst und Schrecken, wenn sie – wie so viele – bereits phyische Gewalterfahrungen haben. Verspottungen über Unterstellungen aus dem Bereich der Intimsphäre erleben Frauen generell als enorm beschämend. Brodnig zitiert dazu aus vielen Forschungsarbeiten und Umfragen.
Verdrängung der Frauen
Im Fokus steht für Ingrid Brodnig die Verdrängung der Frauen aus der öffentlichen Debatte, der sogenannte „Chilling-Effekt“. Brodnig zitiert in ihrem Buch die österreichische Grrüne Politikerin Sigrid Maurer: Letztlich gehe es den Tätern darum, Macht auszuüben. „Sie wollen eine Verhaltensänderung. Dass man still ist, dass man was anderes schreibt, oder dass man sich fürchtet. Und das habe ich immer verweigert“. Maurer setzte sich im berühmten „Bierwirt-Fall“ mittels Gegenmobilisierung erfolgreich zur Wehr.
An anderer Stelle geht die Autorin auf die Feinheiten ein: „Ein Chilling-Effekt kann bereits sein, dass man nicht in der Haupt-Debatte auftritt, sondern am Tag danach, dass man nicht zehn Minuten spricht, sondern drei. Dass man einmal weniger postet oder ein spezifisches Thema meidet.“
Solidarität gegen Isolation
Am Ende jedes Kapitels gibt Ingrid Brodnig Empfehlungen – für Betroffene ebenso wie für ihr Umfeld. Zum Beispiel: Solidarität zu zeigen, denn die subjektive Wahrnehmung der wenigen, aber niederschmetternden Hater führe zu einem „Verrutschen“ der Sichtweise auf andere Menschen, zu einem „starken Gefühl der Isolation“. Brodnig: „Betroffene sollen sehen: Es gibt da draußen so viele andere Stimmen – und die meisten Menschen wollen mir Gutes“.
Ein eigenes Kapitel ist der geschlechtsspezifischen Beleidigung gewidmet, deren Ziel es ist, die Frau abzuwerten, ihr die Kompetenz abzusprechen, ihr die Luft zum Atmen im öffentlichen Raum zu nehmen, den sie als Politikerin beansprucht, ihre Glaubwürdigkeit zu erschüttern. Ein anderes Kapitel beschreibt die Wirkung von Fehlinformationen, die ganz bewusst als Waffe eingesetzt werden, wie im Fall von Frauke Brosius-Gersdorf, die damit als Richterin am Bunesverfassungsgericht verhindert wurde.
In ihrem Buch analysiert Ingrid Brodnig auch den Wechselwirkungen zwischen digitalen Plattformen und etablierten Medien, die sogeannte „Empörungsinszenierung“, die Hater zu Hasspostings motiviert und meinungsbildende Stimmungen erzeugt. Und der Schockstarre der eigenen Gruppe, die sich vielfach nicht solidarisch zeigt, aus Angst davor, dass ich das mediale Blatt gegen die ganze Partei wenden könnte.
Ratschläge und Empfehlungen
Brodnig empfiehlt, zu gehässigen Nachrichten auf Distanz zu gehen: Entweder über Personal, das die Sozialen Medien betreut, oder über ein „Buddy-System“: eine vertraute Person, der der Zugang zum Sozcial-Media-Konto übergeben wird. Aber sie stellt auch fest: Es gibt Momente, da hilft professionelle Distanz auch nicht weiter. „Nein: Es ist ein strukturelles, gesellschaftliches Problem, und es braucht gesellschaftlichen Schutz.„
Schlussendlich geht die Expertin für digitale Themen auch auf den rechtlichen Rahmen und Verbesserungsnotwendigkeiten ein. Es müssten neue Straftatbestände geschaffen werden, auch um den enormen Ermessenspielraum der Gerichte zu verringern. Themen seien neue Phänomene wie Deepfakes aber auch altbekannte Tatbestände wie die juristische Definition der Beleidigung. Die Autorin zitiert die deutsche Organisation Hate-Aid mit ihrer Forderung nach spezialisierten Abteilungen bei Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft für digitale Gewalt, besseren Informationsrechten im Nachhang zu Anzeigen, und einer Einschränkung des Kostenrisikos bei Klagen. Und Ingrid Brodnig fordert, auf EU-Ebene, Bußgelder für Tech-Konzerne, die nicht genug Schutzmaßnahmen gegen systemische Risiken ergreifen.
Am Ende des Buches steht ein juristischer Überblick über die strafbaren Tatbestände in Österreich und Deutschand sowie über Melde- und Beratungsstellen.
Claudia Gigler, 23.2.2026
Ingrid Brodnig: Feindbild Frau. Wie Politikerinnen im Netz bedroht, beleidigt und verdrängt werden – und was wir alle dagegen tun können. Brandstätter-Verlag 2026, ISBN: 978-3-7106-0942-8, 208 Seiten.
Fotografin: Gianmaria Gava
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Diffamierung II: Fragen von Ethik und Moral, verfasst von Barbara Degen.
Diffamierung III: Was es mit Organisationen zu tun hat, verfasst von Ulrike Reich.
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